Interview mit Martin Baumann, BMW

„Flottendiagnosen ermöglichen eine gezielte Fehlerlokalisierung“

Immer komplexere und stärker elektrifizierte Fahrzeugarchitekturen machen die Energieverteilung zur strategischen Herausforderung. Martin Baumann von BMW ordnet ein, wie datenbasierte Methoden die Entwicklung elektronischer Stromverteiler beeinflussen.

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Junger Mann mit kurzem Haar und kariertem Hemd lächelt vor unscharfem Hintergrund.
Martin Baumann ist seit acht Jahren bei BMW tätig. Der Diplom-Ingenieur verfügt über fundierte Expertise in der virtuellen Entwicklung von Niedervolt-Bordnetzen, Systemidentifikation, Impedanzspektroskopie, Hardware-Prototyping und Validierung.

Martin Baumann, Entwicklungsingenieur bei BMW, arbeitet an zonalen Power-Distribution-Units und treibt damit die Entwicklung robuster und effizienter elektrischer Systeme für die nächste Fahrzeuggeneration des bayerischen OEMs voran.

In seiner Keynote auf dem Bordnetzkongress 2026 (am 5. und 6. Mai in Ludwigsburg) zeigt er, wie Messdaten, Simulation und Validierung dazu beitragen können, die Auslegungsqualität zu verbessern, die Entwicklung zu beschleunigen und fundiertere technische Entscheidungen über Plattformen und Varianten hinweg zu ermöglichen.

Im Vorfeld der Veranstaltung in Ludwigsburg haben wir mit ihm über die Herausforderungen, Chancen und aktuellen Grenzen datengetriebener Entwicklung in der elektronischen Energieverteilung gesprochen.

Alle Infos zum Bordnetze im Automobil Kongress

Der Bordnetzkongress gilt als zentrale Branchenplattform für Entwickler, Zulieferer und OEMs, die sich mit der elektrischen und elektronischen Architektur heutiger Fahrzeuge befassen. Im Fokus stehen Trends wie zonale Architekturen, steigende Bordnetzspannungen, neue E/E-Konzepte sowie deren Auswirkungen auf Kosten, Gewicht und Komplexität. 

Der 14. Kongress "Bordnetze im Automobil" wird am 5. und 6. Mai 2026 in Ludwigsburg stattfinden. Sind Sie gespannt? Registrieren Sie sich jetzt und sichern Sie sich Ihr Ticket.

Weitere Informationen zum Bordnetze im Automobil Kongress finden Sie hier.

Herr Baumann, was wird in den kommenden fünf Jahren die größte Herausforderung für die Bordnetz- und EDS-Branche sein – und wieso?

Auf meinem Fachgebiet, der elektronischen Energieverteilung, wird die größte Herausforderung darin bestehen, die steigenden Fahrzeuganforderungen in Bezug auf Energiebedarf und Funktionalität zu beherrschen. Dazu gehört auch, zentrale Erkenntnisse aus Produkten auf Basis der bisherigen Architektur zu berücksichtigen und die technischen Änderungen einzuführen, die mit künftigen elektronischen Sicherungsprodukten einhergehen, die auf den Markt kommen. Mit der Einführung neuer Funktionen ist es entscheidend, deren Auswirkungen auf die Fahrzeuganforderungen gründlich zu analysieren. Darüber hinaus werden die Erkenntnisse aus der aktuellen Implementierung elektronischer Sicherungen in Fahrzeugen der Neuen Klasse die Auslegung und Entwicklung der nächsten Fahrzeuggeneration maßgeblich beeinflussen.

Was Automobilhersteller zur Skalierung brauchen

Welche Fähigkeiten müssen Unternehmen jetzt aufbauen, um datengetriebene Bordnetzentwicklung skalierbar zu machen?

Aus OEM-Sicht ist es essenziell, Messdaten aus Serienfahrzeugen in hoher Qualität zu erfassen und diese sicher in Cloud-Infrastrukturen zu speichern. Diese Daten müssen dann effizient rechnerisch verarbeitet werden, um die daraus gewonnenen Erkenntnisse in konkrete Auslegungsanforderungen zu überführen, etwa für Leitungsquerschnitte, Steckverbinderspezifikationen und Sicherungscharakteristika. Für Entwickler ist eine präzise Charakterisierung der ECU-Parameter, insbesondere des thermischen Verhaltens, erforderlich, um die Integrität und die korrekte Verarbeitung der übertragenen Daten sicherzustellen. Halbleiterhersteller müssen Komponenten mit hochpräzisen Mess- und Diagnosefähigkeiten bereitstellen, um dieses Ökosystem zu unterstützen.

Welche Datenquellen machen bei der Auslegung der Energieverteilung tatsächlich den Unterschied – etwa Felddaten, Simulation, End-of-Line-Tests oder Flottendiagnosen?

Besonders wertvoll sind Flottendaten, darunter Messungen von Spannungen, Strömen und Temperaturen. Der Strom, den einzelne Sicherungen ziehen, liefert Erkenntnisse über Lastcharakteristika und Belastungen von Komponenten der Energieverteilung, etwa der Verkabelung. Die gemessenen Daten können außerdem genutzt werden, um das Systemverhalten unter seltenen überlagerten Fehlerszenarien zu simulieren. Darüber hinaus ermöglichen Flottendiagnosen eine gezielte Fehlerlokalisierung und schnelle Störungsbehebung, während prädiktive Modelle bereits vor dem Auftreten von Fehlern entwickelt werden können, was proaktive Wartungsstrategien unterstützt.

Wie vertrauenswürdige Daten für Entwicklungsentscheidungen entstehen

Wie stellen Sie sicher, dass die Daten für technische Entscheidungen vertrauenswürdig genug sind – insbesondere über Varianten und Plattformen hinweg?

Die Sicherstellung vertrauenswürdiger Daten umfasst drei zentrale Aspekte: Konzeptentwicklung, Validierung und Abgleich mit Flottendaten. In der Konzeptentwicklung werden Messansätze so ausgelegt, dass sie strenge Genauigkeitsanforderungen erfüllen. Die Validierung erfolgt auf mehreren Ebenen – Simulation, Komponente und System – und umfasst Sensitivitätsanalysen im Hinblick auf Umwelteinflüsse wie elektromagnetische Störungen, Temperaturschwankungen, Alterungseffekte, Produktionstoleranzen und Feuchtigkeit. Dieser umfassende Ansatz stellt die Zuverlässigkeit der Daten sicher, die für technische Entscheidungen über verschiedene Fahrzeugvarianten und Plattformen hinweg genutzt werden.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, bei dem datengetriebene Entwicklung eine Designentscheidung verändert hat – etwa bei Architektur, Dimensionierung oder Schutzstrategie – und was das Ergebnis war?

Ein konkretes Beispiel ist die Auslegung von Überstromschutzmechanismen für eine elektronische Sicherung in Hochstromanwendungen. Umfangreiche Messungen in BMW-Testeinrichtungen näherten Worst-Case-Simulationsszenarien an und ermöglichten es, das maximale Stromprofil in die Auslegung der Schutzmechanismen der Sicherung zu integrieren. Auf Basis dieses Stromprofils wurden Anpassungen bei der Auswahl der Leistungshalbleiter sowie bei hardware- und softwarebasierten Parametern der Überstrom-Auslösekennlinie vorgenommen. Die Wahl der Leistungshalbleiter beeinflusste auch die thermische Schutzstrategie und verdeutlicht damit den ganzheitlichen Einfluss datengetriebener Erkenntnisse auf Auslegungsentscheidungen.

Warum das menschliche Expertenurteil auch 2026 unverzichtbar bleibt

Wo liegen heute die Grenzen – und was lässt sich auch künftig nicht allein mit Daten entscheiden, sondern benötigt weiterhin Expertenurteil oder physische Tests?

Seltene Ereignisse wie Fahrzeugcrashs sind naturgemäß mit Unsicherheiten verbunden, weil sie nur mit geringer Häufigkeit auftreten und umfangreiche Tests praktisch nicht durchführbar sind. Für diese außergewöhnlichen Fehlerfälle bleibt das Expertenurteil unverzichtbar, ebenso wie physische Tests, um die Grenzen datengetriebener Methoden zu ergänzen.

Zum Abschluss würde uns interessieren, was Sie sich persönlich vom Bordnetzkongress 2026 erhoffen.

Ich möchte mein Verständnis für Branchentrends in der elektronischen Energieverteilung vertiefen – insbesondere für kommende Entwicklungen, zentrale Herausforderungen und Möglichkeiten, die Zusammenarbeit über den gesamten technischen Entwicklungsprozess hinweg zu verbessern. Außerdem hoffe ich, aus OEM-Sicht Datenlücken zu identifizieren, die, wenn sie geschlossen werden, eine bessere Auslegung und schnellere Entwicklungszyklen unterstützen könnten, ohne das hohe Qualitätsniveau zu beeinträchtigen.