Ausfallsichere kritische Infrastrukturen

Hochpräzise Zeitübertragung ohne GNSS

Präzise Zeit ist die unsichtbare Grundlage aktueller Infrastrukturen. Doch GNSS-basierte Synchronisation gerät zunehmend unter Druck. Terrestrische Ansätze wie hochpräzise Zeitübertragung ermöglichen stabile, ausfallsichere Netzwerke, unabhängig von Satellitensignalen.

5 min
Wie sichert hochpräzise Zeitübertragung ohne GNSS die Synchronisation kritischer Infrastrukturen dauerhaft ab?
Wie sichert hochpräzise Zeitübertragung ohne GNSS die Synchronisation kritischer Infrastrukturen dauerhaft ab?

In der heutigen vernetzten Welt sind kritische Infrastrukturen – Telekommunikation, Energie, Transport, Verteidigung und Behörden – auf eine präzise Zeitsynchronisation angewiesen, um einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten. Traditionell waren globale Navigationssatellitensysteme (GNSS) wie GPS das Rückgrat für die Bereitstellung dieser Zeitangaben (Timing). GNSS sind jedoch zunehmend anfällig für Störungen, Manipulationen/Spoofing und physische Hindernisse, was Bedenken hinsichtlich der Kontinuität und Sicherheit der Dienste aufwirft. Hier kommt TimeProvider 4500 Version 3 (TP4500 v3) ins Spiel – eine terrestrische Lösung, die hochpräzise Zeitübertragung (HA-TT; High-Accuracy Time Transfer) über optische Netzwerke ermöglicht und selbst ohne GNSS einen ausfallsicheren 24/7-Betrieb gewährleistet.

Die Herausforderung: GNSS-Schwachstellen 

GNSS-basiertes Timing ist zwar weit verbreitet, aber nicht unfehlbar. Signalstörungen, physische Hindernisse und gezielte Angriffe können den GNSS-Empfang stören und die Synchronisation kritischer Infrastrukturen gefährden. Behörden weltweit schreiben nun ergänzende PNT-Lösungen (Positioning, Navigation and Timing) vor, um die Ausfallsicherheit und Zuverlässigkeit zu erhöhen und einen unterbrechungsfreien Betrieb auch bei potenziellen Störungen oder Dienstbeschränkungen zu gewährleisten.

Die Schwachstellen von GNSS sind nicht nur theoretischer Natur. Vorfälle in der Praxis haben gezeigt, wie Stör- und Spoofing-Angriffe zu Ausfällen in Mobilfunknetzen führen, Finanztransaktionen stören und sogar die Sicherheit von Transportsystemen gefährden können. Da die Abhängigkeit von präzisem Timing mit der Verbreitung von 5G, Smart Grids und autonomen Systemen zunimmt, wird die Notwendigkeit einer robusten Backup-Lösung für GNSS immer wichtiger. Die Kosten und die Komplexität der Installation von GNSS-Empfängern an jedem Grandmaster-Standort sowie das Risiko von Signalverlusten aufgrund städtischer Umgebungen oder Störungen haben die Suche nach einer terrestrischen Alternative vorangetrieben, die die Genauigkeit von GNSS erreichen oder übertreffen.

Bild 1: PNT-Diagramm – Zeit ist die Grundlage für sichere PNT-Lösungen.
Bild 1: PNT-Diagramm – Zeit ist die Grundlage für sichere PNT-Lösungen.

Die Lösung: TimeProvider 4500 v3 und HA-TT 

Der Grandmaster-Zeitgeber TP4500 v3 ist die Antwort von Microchip auf diese Herausforderungen. Er bietet eine terrestrische, standardbasierte Alternative zu GNSS und verteilt präzise Zeit über optische Langstreckennetzwerke mit einer Genauigkeit im Sub-ns-Bereich. Dies ist ein Fortschritt für Betreiber kritischer Infrastrukturen, da der Zeitgeber einen robusten Synchronisationsmechanismus bietet, der unabhängig von satellitengestütztem Timing ist. 

TP4500 v3 ist für verschiedene Netzwerktopologien konzipiert, darunter Punkt-zu-Punkt-, Ring- und Mesh-Architekturen. Durch seine Flexibilität können Betreiber ihre Zeitverteilungsnetzwerke an die spezifischen Anforderungen ihrer Geografie und Infrastruktur anpassen und so eine optimale Abdeckung und Redundanz gewährleisten. Das System nutzt die vorhandene Glasfaserinfrastruktur, minimiert den Bedarf an kostspieligen Neuinstallationen und ermöglicht eine schnelle Skalierung über städtische, regionale und nationale Netzwerke hinweg.

Was ist hochpräzise Zeitübertragung (HA-TT)?

Bild 2: HA-TT Klasse A mit einem maximalen Zeitfehler von 5 ns über 800 km.
Bild 2: HA-TT Klasse A mit einem maximalen Zeitfehler von 5 ns über 800 km.

 HA-TT ist durch die Norm ITU-T G.8271.1/Y.1366.1 (01/2024) definiert und ermöglicht eine Zeitübertragung mit einem maximalen Zeitfehler (|TE|) von nur 5 ns über 800 km Glasfaser – was einem Durchschnitt von 500 ps pro Knoten entspricht, wenn man von einer Kette von 10 Knoten ausgeht. Dies setzt einen neuen Branchenmaßstab für Genauigkeit und ermöglicht die Verteilung der offiziellen Zeit von nationalen Metrologielaboren über ganze Länder hinweg, ohne auf GNSS angewiesen zu sein.

Wie terrestrische Zeitverteilung  hilft

Der TimeProvider 4500 v3 bildet das Rückgrat eines terrestrischen Zeitverteilungsnetzwerks, bekannt als virtuelle primäre Referenzzeituhr (vPRTC). Diese Architektur nutzt bestehende optische Netze, Standard-Ethernet und handelsübliche SFPs (Small Form-Factor Pluggable Transceiver) und ist somit kostengünstig und einfach zu implementieren. 

Die vPRTC-Architektur ist skalierbar und ausfallsicher. Durch die Verkettung mehrerer TP4500 v3 im Netzwerk können Betreiber die präzise Zeitverteilung über Hunderte von Kilometern ausdehnen, wobei jeder Knoten nur einen minimalen Zeitfehler aufweist. Dieser Ansatz ermöglicht den Aufbau eines landesweiten Zeit-Backbones, das Telekommunikationsbetreibern, Versorgungsunternehmen, Verkehrsknotenpunkten und staatlichen Einrichtungen mit der gleichen Genauigkeit dienen kann, die bisher lokalen GNSS-Implementierungen vorbehalten war.

Ausfallsicherheit ohne GNSS 

Im Gegensatz zu herkömmlichen Implementierungen, die GNSS an jedem Grandmaster-Standort erfordern, ermöglicht das TP4500 v3 eine hochausfallsichere Synchronisation ohne GNSS-Abhängigkeit. Es unterstützt Zeitreferenzen, die von UTC(k) nationaler Labore und lässt sich nahtlos in die bestehende Netzwerkinfrastruktur integrieren. 

Bild 3: vPRTC-basierte terrestrische Zeitverteilungsarchitektur
Bild 3: vPRTC-basierte terrestrische Zeitverteilungsarchitektur

Diese Funktion ist besonders wertvoll in Umgebungen, in denen GNSS-Signale unzuverlässig oder nicht verfügbar sind, z. B. in unterirdischen Anlagen, Stadtzentren mit hohen Gebäuden oder Regionen, die gezielten Störsignalen ausgesetzt sind. Durch die Nutzung eines terrestrischen Netzwerks stellt der TP4500 v3 sicher, dass kritische Dienste – wie Notfallkommunikation, Finanzabwicklungsstellen und Stromnetz-Leitstellen – auch bei längeren GNSS-Ausfällen synchronisiert und betriebsbereit bleiben.

Leistungsfähigkeit auf Carrier-Niveau 

Der TP4500 v3 ist auf Carrier-Grade-Zuverlässigkeit ausgelegt und unterstützt mehrere Betriebsmodi und redundante Architekturen. Er kann als Gateway-Uhr konfiguriert werden, die mehrere Eingänge (GNSS, SyncE, IEEE 1588 PTP, 1PPS, 10 MHz) akzeptiert und eine Vielzahl von Ausgängen für verschiedene Netzwerkelemente generiert. Hardware-Zeitstempel an allen Ports gewährleisten höchste Genauigkeit, und das System ist skalierbar für Tausende von PTP-Endpunkten. 

Bild 4: Verwendung von UTC(k) als Zeitreferenz für ePRTC-Standorte anstelle von GNSS
Bild 4: Verwendung von UTC(k) als Zeitreferenz für ePRTC-Standorte anstelle von GNSS

Die HA-TT-Funktion des TP4500 v3 zeichnet sich durch hohe Genauigkeit, Konsistenz und Zuverlässigkeit aus. Das System ist so konzipiert, dass es auch bei schwankenden Netzwerkbedingungen seine Präzision beibehält – aufgrund fortschrittlicher Hardware-Zeitstempel, Echtzeitüberwachung und adaptiver Kompensation von chromatischer Dispersion und anderen Glasfaserbeeinträchtigungen. Betreiber kritischer Infrastrukturen können so auch bei Netzwerküberlastung oder Wartungsarbeiten auf ihre Zeitsteuerung vertrauen. 

Redundanz ist auf Hardware- und Softwareebene im TP4500 v3 integriert. Betreiber können Aktiv/Standby- oder Aktiv/Aktiv-Konfigurationen einsetzen, um sicherzustellen, dass die Zeitdienste auch dann ohne Unterbrechung weiterlaufen, wenn ein Gerät ausfällt oder gewartet werden muss. Zu den Überwachungsfunktionen des Systems gehören die Echtzeitmessung von 1PPS-, 10-MHz- und E1/T1-Signalen sowie schwellenwertbasierte Alarme für maximale Zeitintervallfehler (MTIE) und Zeitabweichungen (TDEV), die Betreibern wertvolle Einblicke in den Zustand und die Leistungsfähigkeit des Netzwerks liefern.

Der TP4500 v3 bietet eine Genauigkeit im Sub-ns-Bereich mit einem maximalen Zeitfehler von 5 ns über 800 km. Erreicht wird dies durch hardwarebeschleunigte PTP-Paketerzeugung, fortschrittliche Synthesizer-Technologie und die Integration der PolarFire-FPGAs von Microchip. Das System übertrifft die Anforderungen der Klasse D und ist für Anwendungen in den Bereichen Telekommunikation, Energieversorgung, Transport, Behörden und Verteidigung optimiert.

Wesentliche Leistungs- und Alleinstellungsmerkmale  von GNSS

  • Genauigkeit im Sub-ns-Bereich: 5 ns Zeitverzögerung über 800 km (500 ps pro Knoten, 10 Knoten).
  • Terrestrische Alternative zu GNSS: Ermöglicht eine robuste Synchronisation unabhängig von Satellitensignalen.
  • Nahtlose Integration: Standardbasiert, kompatibel mit handelsüblichen SFPs, Ethernet und optischen Implementierungen.
  • Skalierbarkeit: Unterstützt Tausende von PTP-Endpunkten und Hochgeschwindigkeits-Netzwerkschnittstellen (1/10/25 GbE, mit 100-GbE-Anbindung über Breakout-Kabel).
  • Redundanz und Ausfallsicherheit: Mehrere Betriebsmodi, Gateway-Taktfunktion und Unterstützung für hybride Referenzeingänge.
  • Optimiert für kritische Infrastrukturen: Telekommunikation, Energie, Transport, Verteidigung und Behörden.

Der TP4500 v3 verfügt auch über eine benutzerfreundliche Web-GUI für Überwachung und Management. Netzwerkgenauigkeitsdaten, Satellitensignalwerte und den Systemstatus werden in intuitiven Balkendiagrammen und Dashboards darstellt. So können Betreiber die Leistungsfähigkeit schnell beurteilen und auf Anomalien reagieren, bevor diese sich auf die Servicebereitstellung auswirken.

Wo lässt sich GNSS anwenden

Der TP4500 v3 richtet sich an alle Betreiber kritischer Infrastrukturen, die eine ausfallsichere PNT benötigen, darunter Mobilfunknetze (4G/5G/Open RAN), Energiesektor (Versorgungsunternehmen, Smart Grids), Transportwesen (Bahn, Luftfahrt, Seeverkehr), Verteidigung und Behörden.

In Mobilfunknetzen ist eine präzise Zeitmessung für Handover, Synchronisation und Spektrumeffizienz unerlässlich. Mit dem TP4500 v3 können Betreiber selbst in schwierigen Umgebungen die strengen Timing-Anforderungen für 5G und zukünftige 6G-Implementierungen erfüllen. Im Energiesektor unterstützt eine genaue Zeitverteilung die Netzstabilität, Fehlererkennung und Ereignisprotokollierung und hilft Versorgern dabei, gesetzliche Standards einzuhalten und ihre betriebliche Effizienz zu verbessern. Verkehrssysteme sind für die Signalgebung, Sicherheit und Koordination auf synchronisierte Uhren angewiesen, während Verteidigungseinrichtungen und Behörden eine sichere, ausfallsichere Zeitsteuerung für Kommunikations-, Kommando- und Kontrollvorgänge benötigen. Finanzinstitute sind für die Transaktionsintegrität und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften auf präzise Zeitstempel angewiesen, was HA-TT zu einem entscheidenden Faktor für moderne Märkte macht.

Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Technologien

 Der TP4500 v3 ist durch seine HA-TT-Funktion und seinen standardbasierten Ansatz die bevorzugte Wahl für Betreiber, die ihre Timing-Netzwerke zukunftssicher machen möchten. Im Vergleich dazu erfordern alternative Lösungen, dass Kunden ihre Netzwerkinfrastruktur durch die Installation neuer Switches und kundenspezifischer SFPs anstelle von Standardmodellen anpassen. 

Wie lässt sich der TP4500 v3 einfach in bestehende Netzwerke integrieren?

Die Bereitstellung des TP4500 v3 ist durch seine Unterstützung für Standard-Ethernet, handelsübliche SFPs und Kompatibilität mit bestehenden optischen Netzwerken unkompliziert. Betreiber können mit einem einzigen Knoten beginnen und je nach Bedarf auf ein landesweites Netzwerk aufbauen. Der modulare Ansatz des Systems ermöglicht einfache Upgrades und die Integration mit anderen Grandmaster-Uhren von Microchip. Damit steht eine einheitliche Timing-Lösung für unterschiedliche Umgebungen bereit. Lizenzoptionen ermöglichen erweiterte Funktionen wie den HA-TT-Clock-Modus, sodass Betreiber das System an ihre spezifischen Anforderungen und ihr Budget anpassen können.

Zeitgenauigkeit im Blick: Monitoring und Fernverwaltung des TP4500 v3

Eine kontinuierliche Überwachung ist unerlässlich, um die Zeitgenauigkeit aufrechtzuerhalten und potenzielle Probleme zu erkennen, bevor sie sich auf den Dienst auswirken. TP4500 v3 bietet umfassende Überwachungstools, darunter PTP-Paketprüfung, schwellenwertbasierte Alarme und Echtzeitmessung wichtiger Signale. Über die Web-GUI können Betreiber auf detaillierte Berichte und Analysen zugreifen, was eine proaktive Wartung und schnelle Fehlerbehebung ermöglicht. Das System unterstützt auch die Fernverwaltung und die Integration mit Netzwerkmanagement-Plattformen, was den Betrieb optimiert und das Risiko menschlicher Fehler verringert. 

Zukünftige Ausrichtung 

TP4500 v3 ist ein wichtiger Schritt hin zur Einführung des ITU-T-Standards G.8272.2, der eine kohärente Netzwerk-Referenzzeituhr (cnPRTC) für noch höhere Genauigkeit und Ausfallsicherheit definiert. Da sich Netzwerke weiterentwickeln, um neue Anwendungen wie autonome Fahrzeuge, Smart Cities und Quantenkommunikation zu unterstützen, wird der Bedarf an robusten, skalierbaren Timing-Lösungen weiter steigen. Microchip setzt auf kontinuierliche Innovation, um sicherzustellen, dass TP4500 v3 an der Spitze der Timing-Technologie bleibt und weiterhin die Anforderungen der wichtigsten Dienste weltweit erfüllt. 

Präzise Zeitverteilung als GNSS-Alternative

Der TimeProvider 4500 v3 mit hochpräziser Zeitübertragung setzt einen neuen Standard für die robuste und präzise Zeitverteilung in kritischen Infrastrukturen. Als terrestrische Alternative zu GNSS gewährleistet er einen unterbrechungsfreien Betrieb rund um die Uhr – selbst bei Ausfall oder Störung des Satellitensignals. Mit seiner hohen Genauigkeit, Skalierbarkeit und Integrationsfähigkeit ist der TP4500 v3 die optimale Lösung für Betreiber, die ihre Netzwerke gegen die Schwachstellen der GNSS-Abhängigkeit absichern möchten. (na)

Autor:

Eric Colard, Head of Emerging Products in der Frequency and Time Systems Business Unit bei Microchip