Wie kann die Halbleiterindustrie Nachhaltigkeit wirklich umsetzen?
Die Halbleiterindustrie steht unter wachsendem Druck, ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Kreislaufwirtschaft wird zur Schlüsselstrategie. Sie rückt Design, Materialwahl und Lieferkettenmanagement in den Mittelpunkt nachhaltiger Innovation.
Justin SearsJustinSears
4 min
Wie wird Kreislaufwirtschaft in der Chipindustrie Realität? Der Beitrag zeigt, wo Design, Beschaffung und Produktion nachhaltiger werden müssen.Copyright (c) 2023 chayanuphol/Shutterstock. No use without permission.
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Die
Halbleiterindustrie ist es nicht gewohnt, als Umweltsünder zu gelten. Schließlich
ist sie der Motor hinter den meisten technologischen Durchbrüchen, die wir
feiern: künstliche Intelligenz, Elektrifizierung, Konnektivität und
Automatisierung. Doch mit der steigenden Nachfrage nach Chips wächst auch die
Aufmerksamkeit. Chip-Fabriken verschlingen enorme Mengen an Wasser und Energie. Seltene
Erden überqueren Kontinente und Konfliktzonen. Die Lieferketten sind derart
komplex, dass sie nahezu undurchsichtig erscheinen. Und immer häufiger beginnen
Regierungen, Investoren und Kunden, kritische Fragen zu stellen.
Damit geht eine neue
Erwartungshaltung einher: Chip-Hersteller – und das weit verzweigte Ökosystem,
das sie stützt – sollen das Thema Nachhaltigkeit endlich ernst nehmen. Und das
nicht nur in Hochglanz-ESG-Berichten (Environmental, Social and Governance),
sondern auch in der tatsächlichen Konzeption, Beschaffung und Produktion. Im
Zentrum dieses Wandels steht ein Konzept, auf das die Branche bislang noch
nicht wirklich vorbereitet ist: die Kreislaufwirtschaft. Der ökologische Fußabdruck der Halbleiterindustrie. Fangen wir mit den
Grundlagen an: Die Herstellung von Chips ist alles andere als sauber.
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Eine einzelne
Wafer-Fab im Advanced-Node-Bereich kann täglich mehrere Millionen Liter Wasser
und große Mengen an Energie verbrauchen. Dies gilt insbesondere für
Sub-10-Nanometer-Prozesse, die eine höhere Anzahl an Prozessschritten, mehr
Anlagen und strenger kontrollierte Umgebungsbedingungen erfordern.
Die Materialliste
ist ebenfalls anspruchsvoll. Gallium, Germanium, Antimon und Wolfram zählen zu
den entscheidenden Rohstoffen. Sie sind jedoch häufig knapp, nur schwer
umweltverträglich zu gewinnen und stammen aus einer begrenzten Anzahl von
Ländern. Diese Materialien sind also nicht nur selten, sondern auch
geopolitisch sensibel. Und sobald ein Chip gefertigt ist, wird er weltweit
weitertransportiert und in andere Systeme integriert. Am Ende seiner
Lebensdauer ist er meist nicht recycelbar.
Der ökologische Fußabdruck der Halbleiterherstellung ist erheblich.Doch die Erfassung von CO₂-Emissionen in globalisierten Elektronik-Lieferketten ist noch eine vergleichsweise neue Praxis.Copyright (c) 2023 Day Of Victory Studio/Shutterstock. No use without permission.
Die Erfassung von CO₂-Emissionen in
globalisierten Elektronik-Lieferketten ist noch eine vergleichsweise neue
Praxis. Doch es besteht kein Zweifel: Der ökologische Fußabdruck dieser
Lieferketten ist erheblich, wächst weiter – und entwickelt sich zunehmend zu
einem Reputationsrisiko.
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Druck
von Politik, Öffentlichkeit und Geschäftspartnern
Dabei geht es längst
nicht mehr nur um Imagepflege oder Idealismus. Der externe Druck nimmt konkrete
Formen an. Ein Beispiel sind
Chinas Exportbeschränkungen für Gallium und Germanium – zwei Metalle, die für
Verbundhalbleiter unverzichtbar sind. Diese Maßnahmen haben die Verwundbarkeit
und Intransparenz der globalen Elektronikbeschaffung deutlich ins Rampenlicht
gerückt. Die Auswirkungen auf Kosten und Nachhaltigkeit sind inzwischen
deutlich spürbar.
Gleichzeitig setzen
sich Regierungen zunehmend ehrgeizigere politische Ziele. Die
Batterieverordnung der Europäischen Union und die geplante Initiative zum
digitalen Produktpass sind deutliche Signale dafür, dass die europäischen
Regulierungsbehörden in der Elektronikbranche Rückverfolgbarkeit,
Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie den Nachweis einer funktionierenden
Kreislaufwirtschaft einfordern. Auch die USA bewegen sich in eine ähnliche
Richtung: Mit Anreizen für saubere Technologien und Beschaffungsrichtlinien
sollen Zulieferer stärker in die ökologische Verantwortung genommen werden.
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Auch der Markt spielt
eine wichtige Rolle. Große OEMs (Original Equipment Manufacturer) und
Investoren stellen immer kritischere Fragen zu Umweltbilanz und
verantwortungsvoller Unternehmensführung. Wer als Zulieferer darauf keine
überzeugenden Antworten hat oder nicht über die nötige Transparenz verfügt, um
sie zu geben, gerät ins Hintertreffen.
Sustainability Gate @ Silicon Saxony Days 2026
Nachhaltigkeit entscheidet zunehmend darüber, wie Elektronik künftig entwickelt, gefertigt und eingesetzt wird. Regulatorische Anforderungen, knappe Ressourcen und steigende Kosten treffen auf einen hohen Innovationsdruck – und verlangen nach neuen Lösungen entlang des gesamten Produktlebenszyklus.
Genau hier setzt das Sustainability Gate an, das die Fachmagazine productronic und elektronik industrie gemeinsam mit Silicon Saxony e. V. im Rahmen der Silicon Saxony Days 2026 (15.–17. Juni, Flughafen Dresden) veranstalten. Im Mittelpunkt stehen konkrete Ansätze, Erfahrungen und Technologien – von Nachhaltigkeitsmanagement und Design über Fertigungskonzepte bis hin zu Recycling und Kreislaufwirtschaft.
Mit Beiträgen unter anderem von Celus, Elesta, RS Components, Nexperia und dem VDE bringt das Sustainability Gate zentrale Akteure der Branche zusammen und schafft Raum für Austausch und neue Perspektiven. Bleiben Sie gespannt – weitere Details zu Programm und Inhalten folgen in Kürze.
Warum die
Kreislaufwirtschaft nur langsam an Bedeutung gewinnt
Der Begriff
Kreislaufwirtschaft ist plötzlich allgegenwärtig. Theoretisch ist das Konzept
einfach: Produkte sollen so gestaltet werden, dass sie wiederverwendet,
repariert und recycelt werden können. Das Ziel besteht darin, Abfall zu
minimieren und die Abhängigkeit von Primärrohstoffen zu verringern. In der Praxis kommt dies
jedoch nur schleppend voran.
Die meisten
Elektronikprodukte, insbesondere Halbleiter, sind auf maximale Leistung, kompaktes
Design und kurze Lebenszyklen ausgelegt. Für Wartungsfreundlichkeit und
Reparaturen bleibt dabei kaum Spielraum. Der Schutz geistigen Eigentums,
schnelle Innovationszyklen und Kostendruck führen dazu, dass bereits
ausgelieferte Produkte kaum noch überarbeitet werden.
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Die Lieferketten von
heute tragen nicht zur Verbesserung bei. Fragmentierte, mehrstufige
Zuliefernetzwerke machen es nahezu unmöglich, Materialströme nachzuverfolgen –
geschweige denn Verantwortung für deren Rückgewinnung oder Wiederverwendung zu
übernehmen. Proprietäre Hardware und kundenspezifische ASICs
(Application-Specific Integrated Circuits) bieten zwar Leistungsvorteile, sind
jedoch in großem Maßstab praktisch nicht recycelbar.
Dennoch zeichnen
sich erste positive Entwicklungen ab. So erproben einige Halbleiter- und
Elektronikhersteller derzeit zirkuläre Strategien. Dazu gehören
Rückgewinnungsprogramme für Metalle und Wafer, Audits von vorgelagerten Abbau-
und Raffinationsprozessen sowie Design-for-Disassembly-Initiativen für
Embedded-Systeme. Es sind kleine
Schritte – aber sie sind wichtig.
Die
Rolle der Designteams in der Nachhaltigkeitsbilanz
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Die gute Nachricht
ist: Viele Entscheidungen, die die Nachhaltigkeit beeinflussen, werden nicht
auf politischer oder Managementebene getroffen. Sie fallen in den Design-Reviews.
Jede Stückliste legt
Entscheidungen über Zulieferer, Materialien und den ökologischen Fußabdruck
fest. Entwickler entscheiden beispielsweise, ob eine Komponente
überdimensioniert oder bedarfsgerecht ausgelegt ist, ob sie austauschbar oder
proprietär ist, und ob sie aus einer sauberen oder undurchsichtigen Lieferkette
stammt.
In den meisten Teams
steht das Thema Nachhaltigkeit jedoch nicht einmal auf der Prüfliste. Die
Entwickler werden auf Kosten, Leistung und Terminziele getrimmt. Der Einkauf ist
vom Entwicklungsprozess abgekoppelt. Und ESG-Teams – sofern es sie überhaupt
gibt – werden zu spät eingebunden, um den Ergebnisverlauf noch zu beeinflussen.
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Dies zu ändern
bedeutet mehr, als Entwickler einfach zu mehr Bewusstsein aufzufordern. Es
erfordert den Aufbau von Tools, Datengrundlagen und bereichsübergreifenden
Feedbackschleifen, die Umweltauswirkungen im Designprozess sichtbar und
handlungsrelevant machen. In der Elektronikentwicklung beginnt dieser Wandel
bereits, ist jedoch noch weit davon entfernt, Standard zu sein.
Technologien für die Rückverfolgbarkeit, digitale Zwillinge und Umwelt-Scoring-Tools sind erste Schritte in Richtung Kreislaufwirtschaft in der Elektronik-Branche.Looker_Studio - stock.adobe.com
Aufkommende
Trends im Bereich der Kreislaufwirtschaft – worauf zu achten ist
Einige
vielversprechende Entwicklungen deuten darauf hin, dass sich die Lage
allmählich ändert:
Rückverfolgbarkeitstechnologien wie Blockchain,
RFID und digitale Produktpässe werden eingesetzt, um Materialströme über den
gesamten Produktlebenszyklus hinweg zu überwachen.
Digitale Zwillinge von Lieferketten ermöglichen
es, CO₂-Auswirkungen und Beschaffungsrisiken bereits vor der Produkteinführung zu
simulieren.
Anbieter von Designsoftware experimentieren mit Umwelt-Scoring-Tools,
die kritische oder nicht konforme Materialien kennzeichnen.
Standards und Marktplätze für die Wiederverwendung
von Komponenten gewinnen langsam an Bedeutung, insbesondere in den Bereichen
Automobil- und Industrieelektronik.
Und dann ist da noch die Regulierung. Angesichts der anhaltenden globalen
Handelskonflikte werden Zölle und Exportverbote für kritische Mineralien
zunehmend nicht nur als wirtschaftliche Instrumente, sondern auch als Hebel zur
Durchsetzung ökologischer und ethischer Standards eingesetzt. Diese
Entwicklungen werden sich unweigerlich auf Design- und Beschaffungsprozesse
auswirken, ganz gleich, ob die Teams darauf vorbereitet sind oder nicht.
Für eine Branche, die seit Langem Leistung, Energieeffizienz und Kosten
optimiert, mag das Nachhaltigkeitsgebot wie eine weitere Einschränkung wirken. Es
erscheint als zusätzliche Hürde in ohnehin komplexen Entscheidungsprozessen. Doch
zugleich eröffnet es eine Chance. Unternehmen, die es schaffen, nicht nur
effizient, sondern auch verantwortungsvoll zu entwickeln und zu produzieren, verschaffen
sich einen klaren Vorteil. Sie sind besser in der Lage, Lieferkettenstörungen
zu bewältigen, Kundenanforderungen zu erfüllen und künftige Regulierungswellen
zu meistern. Kreislaufwirtschaft ist kein Randthema mehr, sondern entwickelt
sich rasch zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. (na)
Autor:
Justin Sears
verantwortet das Produktmarketing von B2B-SaaS-Plattformen bei Altium