Interview mit Cedric Armand, Director of Virtualization bei Ford
„Zuerst profitieren ADAS von Virtualisierung“
SDVs erhöhen den Entwicklungs- und Validierungsaufwand durch komplexe Software-Stacks und enge Systemabhängigkeiten enorm. Gleichzeitig steigt der Zeitdruck. Cedric Armand von Ford erklärt, wie Virtualisierung kürzere Zyklen und frühere Integration ermöglicht.
Cedric Armand auf der Bühne der Automotive Computing Conference 2026 in Detroit.Mike Peraino - Killer Creations Photography
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Sequentielle ECU-Workflows, späte Integration und starke
Abhängigkeiten von Hardware werden im SDV-Zeitalter zunehmend zu zentralen
Bremsfaktoren für Geschwindigkeit und Skalierbarkeit.
Cedric Armand, Director of Virtualization bei Ford,
beschäftigt sich mit genau diesen Herausforderungen. Er verantwortet die globalen
Aktivitäten des OEMs rund um virtuelle ECUs,
cloudbasierte Entwicklungsumgebungen und Validierungsstrategien – wodurch er frühere
Integration, schnellere Iterationen und robustere Entwicklungsprozesse vorantreibt.
Wie Virtualisierung Komplexität und Validierung im Automotive-Computing neu strukturiert
Herr Armand, welche Rolle spielt Virtualisierung beim
Umgang mit wachsender Software- und Systemkomplexität?
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Armand: Virtualisierung adressiert das exponentielle Wachstum der
Systemkomplexität, das durch das komplexe Zusammenspiel von Software und
physischen Komponenten entsteht, indem sie eine hochgradig realitätsnahe und
reproduzierbare Umgebung bereitstellt, die physische Hardware nicht konsistent
abbilden kann. Da die möglichen Kombinationen dieser Interaktionen exponentiell
zunehmen, reduziert Virtualisierung die inhärente „Loop-to-Loop“-Variation
physischer Systeme und ermöglicht wirklich reproduzierbare
Szenariotests sowie deutlich beschleunigte Entwicklungszyklen. Diese
Fähigkeit ist entscheidend, um große Designräume zu erkunden und kritische
„Corner Cases“ etwa mithilfe von Monte-Carlo-Simulationen zu identifizieren,
die effizient und ohne Risiko für Hardware durchgeführt werden können.
Letztlich verwandelt Virtualisierung einen sonst kaum beherrschbaren Designraum
in eine strukturierte und analysierbare Umgebung und stellt eine robuste
Performance über den gesamten Automotive-Computing-Stack sicher.
Auch 2026 war die ACC ein hochkarätig besetztes Event – Cedric Armand ist dafür das beste Beispiel.Mike Peraino - Killer Creations Photography
Wie verändern virtualisierte Umgebungen
Validierungszyklen und Entwicklungsgeschwindigkeit im Vergleich zu klassischen
ECU-Workflows?
Armand: Virtualisierte Umgebungen transformieren traditionelle,
sequenzielle ECU-Workflows grundlegend in ein parallelisiertes
„Shift-Left“-Entwicklungsmodell, indem sie die Software-Reife von der
Verfügbarkeit der Hardware entkoppeln. Durch den Einsatz hochrealistischer
virtueller Prototypen können Entwicklungsteams Monate vor Verfügbarkeit von
Silizium oder Leiterplatten mit Entwicklung und Validierung beginnen. Dadurch
wird die Entwicklung zeitlich nach vorne gezogen und das hohe Risiko der
typischen „Integration Hell“-Phase bei späten Hardware-in-the-Loop-Tests
reduziert. Diese frühe Transparenz ermöglicht es, komplexe Fehler dann zu
identifizieren und zu beheben, wenn dies am kostengünstigsten und am wenigsten
störend für das Gesamtprogramm ist. Durch die konsequente Nutzung von
Simulation und virtuellen Prototypen können OEMs erhebliche Wettbewerbsvorteile
erzielen – Studien zeigen eine Verkürzung der Time-to-Market um neun bis elf
Monate.
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Wie Virtualisierung Zusammenarbeit und Organisationsstrukturen im Engineering verändert
Welche Auswirkungen hat Virtualisierung auf die
domänenübergreifende Zusammenarbeit zwischen Software-, Hardware- und
Safety-Teams?
Armand: Virtualisierung fungiert als Brücke zwischen traditionell
getrennten Domänen wie Software, Hardware und funktionaler Sicherheit, indem
sie einen „Shift-Left“-Ansatz für die Systemintegration ermöglicht.
Klassischerweise erfolgt die Zusammenarbeit erst zu späteren
Integrationszeitpunkten, wenn Konflikte zwischen Systemen oft zu kostspieligen
Verzögerungen führen. Virtualisierung durchbricht diesen Zyklus, indem
virtuelle Steuergeräte und hochrealistische Modelle externer Subsysteme früh in
den Entwicklungsprozess integriert werden. So entsteht eine gemeinsame digitale
Umgebung für ganzheitliche Validierung. Das erlaubt es den Experten, komplexe
Interaktionen zu simulieren und zu optimieren, ohne auf seltene
Prototyp-Hardware angewiesen zu sein oder Systeme außerhalb ihres Fachbereichs
betreiben zu müssen. Letztlich fördert Virtualisierung eine proaktive und integrierte
Engineering-Kultur, in der sicherheitskritische Abhängigkeiten und
Schnittstellen lange vor dem ersten physischen Fahrzeug abgestimmt werden.
Welche organisatorischen oder kulturellen Hürden bremsen
die Einführung von Virtualisierung heute noch?
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Langjährige OEM-Erfahrung: Vor seinem Wechsel zu Ford im Juli 2025 war Armand über sieben Jahre lang bei General Motors tätig, unter anderem als Engineering Group Manager.Mike Peraino - Killer Creations Photography
Armand: Die größte organisatorische Hürde ist das Fortbestehen von
Silostrukturen, die im Widerspruch zur „Shift-Left“-Philosophie stehen. Da
Virtualisierung eine frühzeitige Integration erfordert, können
Softwareentwickler, Hardwareingenieure und Validierungsteams nicht länger
sequenziell und isoliert arbeiten. Notwendig sind integrierte Workflows,
unterstützt durch einen „Digital Thread“ – eine gemeinsame Datenbasis, auf die
alle Beteiligten zugreifen. Nur so lassen sich Echtzeit-Zusammenarbeit und
funktionsübergreifende Entscheidungen ermöglichen. Kulturell wird die
Transformation häufig durch eine tief verankerte Hardware-zentrierte Denkweise
gebremst, die Integration als späten, reaktiven Schritt betrachtet. Stattdessen
müssen Organisationen eine „Test early and often“-Philosophie etablieren,
Feedbackzyklen verkürzen und automatisierte, skalierbare Testverfahren
priorisieren. So wird Integration zu einem zentralen Bestandteil des
Entwicklungsprozesses und ermöglicht eine deutlich agilere und robustere Umsetzung.
Wo Virtualisierung Entwicklungszeit spart und welche Domänen besonders profitieren
Wo spart Virtualisierung bereits heute Zeit in der
Entwicklung – über die reine Komplexitätsreduktion hinaus?
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Armand: Virtualisierung spart erheblich Zeit, indem sie insbesondere
die Integrationsphase, traditionell die volatilste und zeitintensivste Phase,
entschärft. Durch frühzeitige Validierung werden bis zu 65 Prozent der Fehler
bereits vor der Systemintegration erkannt und behoben. Diese „Defect
Containment“-Strategie ist entscheidend, da die Ursachenanalyse in späten
Integrationsphasen bis zu zehnmal aufwendiger ist als in virtuellen Umgebungen.
Durch die Verlagerung dieser Arbeiten in eine frühere Phase werden typische
Verzögerungen vermieden und der Weg zur Markteinführung deutlich planbarer und
effizienter.
Welche Domänen profitieren zuerst von Virtualisierung im
großen Maßstab – ADAS, IVI, Body oder Powertrain – und warum?
Armand: ADAS ist die erste Domäne,
die in großem Maßstab von Virtualisierung profitiert, getrieben durch
Anforderungen an Logistik und Sicherheit. Millionen probabilistischer Szenarien
und Edge Cases lassen sich physisch nicht in vertretbarer Zeit testen.
Gleichzeitig bietet Virtualisierung eine sichere Umgebung für kritische
Testszenarien, etwa Interaktionen mit Fußgängern. Danach profitiert
insbesondere der Infotainment-Bereich, da
moderne Software-Stacks und vielfältige Nutzerinteraktionen hier besonders
komplex sind. Durch Virtualisierung können OEMs diese Interaktionen umfassender
testen und sowohl funktionale Sicherheit als auch Nutzererlebnis verbessern.
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Partnerschaften werden im Automotive-Computing immer
wichtiger. Welche Art von Partnerschaften wird in den nächsten drei Jahren
entscheidend sein – strategisch, technologisch oder regulatorisch?
Armand: OEMs müssen strategische Partnerschaften priorisieren,
da sie die Grundlage für Geschäftsmodell und Technologie-Stack schaffen.
Ausgangspunkt ist eine klare „Build-or-Buy“-Strategie, bei der OEMs definieren,
welche Teile des Systems differenzierend sind und welche als
Standardkomponenten behandelt werden können. Auf dieser Basis entsteht ein
skalierbares und wirtschaftlich tragfähiges Umfeld, in dem technologische
Innovation schneller umgesetzt werden kann. Diese strategischen Allianzen
schaffen die notwendige Klarheit, um Investitionen gezielt und effizient
einzusetzen.