Interview mit Dr. Liu Qiang, Vice President von Li Auto
„Das chinesische SDV-Modell setzt auf KI-Entwicklung in-house“
SDVs und KI verschärfen den Wettbewerb in der Automobilindustrie zunehmend. Dr. Liu Qiang von Li Auto erklärt, welche Faktoren die nächste Generation intelligenter Fahrzeuge prägen werden und wo China und Europa dabei unterschiedliche Wege gehen.
Benjamin MüllerBenjaminMüllerInternational Editor for ADT, aIT, AP & All-Electr.
4 min
Der promovierte Ingenieur für Kraftmaschinen und Energietechnik Dr. Liu Qiang leitete vor seinem Wechsel zu Li Auto im Jahr 2021 Entwicklungs- und Industrialisierungsprogramme für Leistungselektronik bei UAES.Matthias Baumgartner
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SDVs, Foundation Models und Embodied AI entwickeln sich von
Forschungsthemen zu strategischen Prioritäten der Automobilindustrie. Auf dem 30. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK
Kongress erläuterte Dr. Liu Qiang, Vice President von Li Auto und
General Manager des Li Auto Germany R&D Center, wie das chinesische
Unternehmen diesen Wandel angeht. In seinem Vortrag „From Smart Vehicles to
Embodied AI: Building the ‘Silicon-Based Life’ Architecture of the Future“
beschrieb er, wie KI zunehmend Fahrzeugarchitektur,
Softwareentwicklung und Produktdefinition prägt.
Im folgenden Interview spricht er über die größten
Herausforderungen bei der Skalierung von Software-defined Vehicles, die Rolle
von Foundation Models und die Frage, warum Embodied AI zum nächsten großen
Entwicklungsschritt automobiler Intelligenz werden könnte.
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Herr Qiang, mit Blick auf die nächsten drei bis fünf
Jahre: Was wird der größte Engpass dabei sein, SDV- und KI-Strategien in
skalierbare, industrialisierte Fahrzeugplattformen zu überführen?
Der größte Engpass ist die Diskrepanz zwischen der
Entwicklung von Rechenleistung und den Iterationszyklen von Algorithmen.
Hardwarezyklen in der Automobilindustrie dauern typischerweise zwei bis drei
Jahre, während sich KI-Modelle innerhalb von Wochen oder Monaten
weiterentwickeln. Dadurch entsteht eine grundlegende Herausforderung: Weder das
volle Potenzial der Algorithmen noch die verfügbare Rechenleistung werden
vollständig ausgeschöpft.
In traditionellen, entkoppelten Entwicklungsansätzen
begrenzen starre Hardwarearchitekturen die rasante Weiterentwicklung von
Algorithmen, während kostspielige Rechenressourcen ohne gezielte Optimierung
unzureichend genutzt werden. Diese Lose-Lose-Situation reduziert die
Gesamteffizienz des Systems erheblich.
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Aus Sicht von Li Auto hat sich Hardware-Software-Co-Design
von einem Nice-to-have zu einer Notwendigkeit entwickelt. Um SDVs und KI zu
industrialisieren, müssen traditionelle organisatorische Silos aufgebrochen
werden. Nur durch eine enge Abstimmung und gemeinsame Optimierung auf
fundamentaler Ebene lassen sich Leistungsengpässe beseitigen, die
Hardwareauslastung maximieren und das volle Potenzial von KI erschließen.
Save the date: 31. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress
Am 22. und 23. Juni 2027 findet zum 31. Mal der Internationale AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.
Warum
Wertschöpfung im SDV auf vier Ebenen entsteht
Welche heute getroffene Entscheidung wird am stärksten
bestimmen, wo künftig Wertschöpfung im automobilen Ökosystem entsteht?
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Die Entscheidungen, die die zukünftige Wertschöpfung prägen
werden, konzentrieren sich auf vier Technologieebenen.
Auf der Anwendungsebene fokussiert sich Software auf
intelligente Cockpit-Erlebnisse und autonomes Fahren. Hier interagieren Nutzer
direkt mit dem Fahrzeug, und hier entstehen differenzierende Kundenerlebnisse.
Unser Ansatz basiert auf Cabin Agents und AD Agents.
Auf der Modellebene fungieren Foundation Models als zentrale
Intelligenz des Fahrzeugs und definieren die Obergrenze seiner Fähigkeiten. Sie
schaffen einen datengetriebenen Wettbewerbsvorteil für Wahrnehmung und
Entscheidungsfindung. Unser Ansatz kombiniert ein selbst entwickeltes General
Foundation Model mit einem selbst entwickelten VLA-Modell für autonomes Fahren.
Auf der physischen Ebene schafft die Hardware die Grundlage
für die Ausführung fortschrittlicher KI-Funktionen. Unser Ansatz umfasst ein
vollständig Drive-by-Wire-fähiges Fahrwerk, ein vollständig aktives
800-Volt-Fahrwerkssystem sowie Sensorik für sämtliche Fahrszenarien.
Warum
SDV-Architekturen neue Hardware- und Softwareansätze brauchen
Wo stoßen heutige Ansätze für SDVs und E/E-Architekturen der nächsten Generation in
realen Programmen noch an Grenzen?
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Runde Sache: der 30. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress.Matthias Baumgartner
Aus Hardware-Sicht stößt die Branche an Grenzen bei der
Miniaturisierung. Zusätzliche elektrische Funktionen und die Einführung
intelligenter PDUs erhöhen die Integrationsdichte auf Leiterplatten. Dadurch
entstehen erhebliche Zielkonflikte zwischen klassischer Hardware, begrenztem
Bauraum, anspruchsvollen Umgebungsbedingungen und zunehmend komplexen
Kabelbaumarchitekturen.
Unsere Ansicht ist, dass die Branche höhere
Integrationsgrade bei Chips und eine stärkere Miniaturisierung von Komponenten
anstreben muss. Darüber hinaus werden neue Packaging-Ansätze wie 3D-Packaging
und flexible Substrate erforderlich sein, um unregelmäßig geformte Einbauräume
besser nutzen zu können.
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Aus Software-Sicht besteht die Herausforderung darin, die
Entkopplung serviceorientierter Architekturen (SOA) mit dem entstehenden
Kommunikations-Overhead auszubalancieren. Serviceorientierte Architekturen
stehen im Automotive-Bereich vor einem grundlegenden Dilemma. Sind Services zu
grobgranular, bleibt die Softwarekopplung hoch und unabhängige OTA-Updates
werden erschwert. Sind Services dagegen zu feingranular, überfordern die
steigende Anzahl von Serviceinstanzen ressourcenbegrenzte MCUs durch Kommunikationsaufwand,
Latenzen bei der Service-Erkennung und erhöhte Speicheranforderungen.
Unser Ansatz besteht darin, schlanke Service-Frameworks
einzusetzen, die den Ressourcenverbrauch deutlich reduzieren. Zudem sehen wir
einen Übergang von statischen Kommunikationsmatrizen hin zu einer dynamischen
Service-Komposition. Parallel dazu müssen echte
End-to-End-Hard-Real-Time-Verbindungen zwischen Anwendungen geschaffen werden,
um schrittweise den Übergang zu einer vollständig serviceorientierten
Architektur zu ermöglichen. Aus Sicht der funktionalen Sicherheit bringt KI eine neue
Herausforderung mit sich, da ihre inhärenten Black-Box-Eigenschaften den
deterministischen Anforderungen von Standards wie ISO 26262 widersprechen.
Unserer Meinung nach muss die Branche über ISO 26262
hinausgehen und SOTIF sowie neue Standards für KI-Sicherheit integrieren. Die
Validierung sollte sich von klassischer Codeabdeckung hin zu Szenarioabdeckung
entwickeln, basierend auf Äquivalenztests mit Szenariobibliotheken. Zusätzlich
sind ein Closed-Loop-Framework für Daten-Compliance sowie
Explainable-AI-Technologien erforderlich. Wir plädieren außerdem für eine
Dual-Channel-Sicherheitsarchitektur, die KI-Entscheidungen physisch von
sicherheitskritischen Schieds- und Überwachungsfunktionen trennt.
Wie
(Embodied) AI das Fahrzeug neu definiert
Wie prägt KI heute die Fahrzeugarchitektur in China?
KI verändert die Fahrzeugarchitektur in China zweifach: aus
der Perspektive der technischen Architektur und der Produktdefinition. Aus technischer Sicht besteht der entscheidende Wandel
darin, große KI-Modelle als digitales Gehirn des Fahrzeugs einzusetzen. Statt
KI als zusätzliches Modul zu behandeln, integrieren Hersteller KI-Fähigkeiten
direkt in die Fahrzeugarchitektur.
Unsere Umsetzung basiert auf einer
einheitlichen intelligenten Architektur mit unserem selbst entwickelten
VLA-Modell für autonomes Fahren und unserem selbst entwickelten Foundation
Model als zwei zentrale Kerne. Über die zugrunde liegende Systemarchitektur
werden Rechenleistung, Daten und Steuerung koordiniert verwaltet.
Aus Sicht der Produktdefinition entwickeln sich KI-Agenten
zur zentralen Interaktionsschicht des Fahrzeugs. Das Fahrzeug wandelt sich von
einem System, das Befehle lediglich ausführt, zu einem System, das
Nutzerabsichten aktiv versteht. Unsere Architektur spiegelt diesen Wandel wider. Die
Architektur für autonomes Fahren agiert in der physischen Welt, während die
Cockpit-Architektur digitale Dienste verwaltet. Gemeinsam schaffen sie ein
intelligentes Gesamterlebnis über alle Nutzungsszenarien hinweg, bei dem das
Fahrzeug sowohl Fahraufgaben übernehmen als auch digitale Aufgaben organisieren
kann.
Das chinesische SDV-Modell setzt tendenziell auf
KI-Entwicklung in-house, wodurch schnelle geschlossene Iterationszyklen
ermöglicht werden. Es legt großen Wert auf Nutzererlebnis, agile Entwicklung
und Hardware-Software-Kooptimierung.
Das europäische SDV-Modell hingegen stützt sich stärker auf
kollaborative KI-Entwicklung innerhalb etablierter Zuliefererökosysteme. Der
Fokus liegt stärker auf funktionaler Sicherheit und technischer Zuverlässigkeit
sowie auf Hardware-Software-Entkopplung und Standardisierung.
Wie nähert sich Li Auto dem Konzept von Embodied AI im
Fahrzeug?
Embodied AI bedeutet, dass ein Fahrzeug mehr tut, als
lediglich Befehle auszuführen. Es nimmt seine Umgebung wahr, versteht die
Absichten des Nutzers und antizipiert Bedürfnisse auf eine Weise, die
menschlicher Interaktion zunehmend ähnelt.
Während sich das System durch die tägliche Nutzung
weiterentwickelt, wird das Fahrzeug mehr als nur ein Transportmittel. Es wird
zu einer intelligenten Entität, die ihre Nutzer erkennt, ihre Vorlieben
versteht und proaktiv Unterstützung bietet.
Für Li Auto ist das Fahrzeug lediglich die erste großskalige
Anwendung von Embodied AI. Unser langfristiges Ziel ist der Aufbau eines
allgemeinen Intelligenzsystems für die physische Welt.
Unser Ansatz für Embodied AI orientiert sich an der
menschlichen Physiologie. Die technische Architektur des Fahrzeugs basiert auf
fünf zentralen internen Forschungs- und Entwicklungsbereichen, die jeweils
grundlegenden menschlichen Systemen entsprechen. Dies ermöglicht eine tiefe
Integration von Hardware und Software und schafft die Grundlage für immer
leistungsfähigere Formen verkörperter Intelligenz.