China-Speed zu etablieren kostet Mut, Konsequenz und manchen Manager seinen Einflussbereich. Nur wer dazu bereit ist, möge das Schlagwort verwenden. Hintergründe von Dr. Dieter Lederer, Berater, Investor, Unternehmer und Musiker.
Dr. Dieter LedererDr. DieterLederer
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China-Speed ist weder ein Geheimnis noch ein genetischer Vorteil. Sie ist das Ergebnis geeigneter struktureller und kultureller Rahmenbedingungen.Heinrich Schwarze-Blanke
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Dr. Lederers Management Tipps
Dr. Dieter LedererDieter Lederer
Management-Profi Dr. Dieter Lederer gibt in seiner Kolumne "Frisch vom Lederer" Einblicke in die Management-Welt deutscher und internationaler Unternehmen. Und Einblick hat der Unternehmensberater sicherlich: Coaching und Beratung von Führungskräften und Managern gehört zum Alltagsgeschäft.
Bisher gab es seine Kolumne nur in der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK, allerdings werden sie künftig auch hier auf all-electronics zu finden sein:
Begeistert
rief der Entwicklungsvorstand in der Runde mit seinen Bereichsleitern: „Wir brauchen
China-Speed, das ist die Lösung!“ Zustimmendes Nicken allerseits. Was das konkret
bedeuten sollte, war Nebensache. Hauptsache, es ging irgendwie voran. Der Chef
war schon beim nächsten Thema und beim nächsten Schlagwort. China-Speed war damit
offiziell zum Heilsversprechen erklärt und blieb doch völlig nebulös.
Klar
ist: Die hiesige Automobilindustrie schaut mit einer Mischung aus Bewunderung
und Schrecken auf chinesische Wettbewerber, die Fahrzeuge in der Hälfte der
Zeit und zu einem Bruchteil der Kosten entwickeln. Die Reaktion darauf ist erstaunlich
unterkomplex. Man ruft China-Speed aus und hofft auf ein Wunder. In
Strategie-Meetings, auf Konferenzen, auf Social-Media. Das Problem: Ein Buzzword
verändert gar nichts. Wer Geschwindigkeit fordert, muss die strukturellen und
kulturellen Voraussetzungen dafür schaffen. Ansonsten bleibt alles beim Alten,
nur mit mehr Stress.
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Tempo
braucht Fundament
Was
also ist zu tun?
Schnell entscheiden: China-Speed heißt vor allem, schnell zu entscheiden. Das
ist in Unternehmen, in denen jedes Entwicklungsergebnis von unzähligen Hierarchieebenen,
Komitees und Lenkungskreisen legitimiert werden muss, strukturell unmöglich.
Wer Tempo will, muss Entscheidungsbefugnisse radikal dezentralisieren. Und aushalten,
dass ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet wird.
Scheitern zulassen: Chinesische Teams iterieren schnell, weil sie schnell
scheitern dürfen. Wer hingegen in einer Blamage-Kultur arbeitet, in der jeder
Fehler dokumentiert, eskaliert und zum Karriererisiko wird, iteriert nicht,
sondern versucht, den perfekten ersten Entwurf abzuliefern. Das kostet Zeit, viel
Zeit. China-Speed ist ohne Fehlertoleranz und schnelles Lernen nicht umsetzbar.
Teams ermächtigen: Kleine, autonome, cross-funktionale Teams sind die
Organisationseinheiten hinter chinesischer Geschwindigkeit.
Matrixorganisationen mit geteilten Ressourcen, konkurrierenden Prioritäten und
Abteilungsdenken sind das genaue Gegenteil. Wer schnell sein will, muss
Organisationsstrukturen grundlegend anpassen und Teams ermächtigen.
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China-Speed
ist weder ein Geheimnis noch ein genetischer Vorteil. Sie ist das Ergebnis geeigneter
struktureller und kultureller Rahmenbedingungen. Diese zu etablieren, kostet
Mut, Konsequenz und manchen Manager seinen Einflussbereich. Nur wer dazu bereit
ist, möge das Schlagwort verwenden. (na)
Am 16. und 17. Juni 2026 findet zum 30. Mal der Internationale AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt nun zusätzlich die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.